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Saturday, December 1, 2007

Kalender-Bloggen

Winfried, Künstler, Ingenieur, 49J., gestorben 2001
unglaublich charmant mit seinen lächelnden himmelblauen Augen. groß, schlank, stark, auch als er sterbend im Bett lag. Das Sprachzentrum in seinem Gehirn war angegriffen, seine Bewegungen konnte er nicht mehr genau kontrollieren. Die Kommunikation war deswegen extremst erschwert, was ihn wütend machte.
AIDS-Kranke leiden häufig an Toxoplasmose, die sie kindlich und/oder verwirrt macht. Wenn man nicht mehr sprechen kann, ist es ein Kampf den anderen zu beweisen, dass man immernoch klar denkt.

Beate, 34, Bürokauffrau (wie sie sich immer nannte. ob das wahr war, wussten Schwestern nicht genau), gestorben 2002
Beate war süß, wild und ehrlich. Sie war kindlich, was Ärzte mit der Toxoplasmose erklärten. Ich dachte damals eher an die Folgen der starken Depression, wo man an sich und seiner Intelligenz zweifelt und dann lieber ganz verrückt spielt.
Mit Beate erlebten wir Wunder. Wir beteten zusammen vor dem Bluttest, dass AIDS-Virus verschwindet. Und er konnte tatsächlich nicht gefunden werden. Ärzte erklärten das damit, dass sich der Virus im Knochenmark verstecken konnte.
Gestorben ist Beate an einer Lebererkrankung. Zu viele Medikamente.

Ich liebte die beiden, ganz innerlich. Sie hassten die Unehrlichkeit in sich selbst und den anderen und wussten sich gegen sie zu wehren. Sie kannten ihren Wert und behielten ihre Würde.

Saturday, November 3, 2007

Christophorus in der Nacht

Es ist fast 3 uhr nachts und ich bin wieder wach. Lerne ich schon jetzt den Schlafrhytmus für das nächste Jahr, damit es später nicht zu hart ist? Mit meinen komischen Schlafgewohnheiten wird unser Baby eine Nachteule sein.

Jep, wir haben noch ein Mitglied in unserem Reporter-Team. Zur Zeit noch undercover, aber am 29. April (zum Geburtstag meines Vaters) hat es vor sich zu offenbaren. Wer das genau ist, männlich oder weiblich, wie es aussieht und welchen Charakter es hat, wissen sogar wir nicht. Das Einzige, was wir von ihm halbmonatlich geliefert bekommen, sind mystisch vage schwarz-weiße Ultraschall-Live-Videos und ein paar Standbilder davon.

Wenn ich den Anfang dieses Blogs lese, kann ich kaum glauben, das war erst vor 3 Monaten. Es scheint, dass seitdem Jahre vergangen sind. Es war nur der Anfang, frisch, jung und voller Pläne, und nun sind wir plötzlich inmitten des Lebens, das uns diktiert reif und bodenständig zu sein.

Diktiert, das ist das Einzige was mich dabei stört. Klischees dieser Welt; trotz der Offenheit, wie wir uns in unserer Zeit zu erlauben glauben, halten wir uns immernoch fest an bestimmten Verhaltensmustern, die das Leben zu erleichtern scheinen. In Wirklichkeit bringt doch alles, was nicht neu, sondern erwartbar ist, nur den Tod. Man verliert das Gefühl am Leben zu sein, wenn man kein Christophorus Columbus für das eigene Leben ist. Erfahrungen der anderen Menschen sind gut zu wissen, vorausgesetzt es wurde über diese Erfahrungen wirklich offen und ausdifferenziert berichtet. Aber das sind immernoch nur Erfahrungen der "anderen" Menschen in "anderen" Lebenssituationen, und Gott sei dank sind wir ja einmalig.

Jetzt würde mir vielleicht jemand, wie der von mir sehr geehrte Herr Lorenz-Meyer, sagen, dass sich auch ein Serienmörder einmalig fühlt und im Ermorden sein Leben entdeckt. Ja, da hätten Sie recht, die schönen menschlichen Erfindungen wie Grundrechte sollten jedenfalls bestehen.

Aber ich bin jetzt ganz weit weg von unserer Reise und Reporter-Team. Ich glaube, ich muss schlafen.

Bis morgen, hoffentlich nicht in der Nacht!

Björk – Declare Independence